Samstag, 21. Januar 2012
Elf
marina w., 03:25h
Da lebt man ständig so vor sich hin und irgendwann vergisst man, dass man eigentlich selbst dafür verantwortlich ist, wo man am Ende steht. Dann lässt man sich halt so treiben, vom Leben, und dem was man halt so unter leben versteht. Und während dem ganzen Treibenlassen vergisst man am Ende, wo man selbst dabei steht. Wofür man steht. Wer man ist. Ist ja auch viel bequemer so. Naja, sagen wir, es ist solange bequemer, solange wir uns vormachen können, dass wir den Spaß bestimmen und nicht davon bestimmt werden. Wenn wir das nicht mehr schaffen, geht es aber bei vielen auch schon los: Dann fängt man an, sich in dem Strom selbst steuern zu wollen - ganz kühn dagegen zu schwimmen. Ja, weil soviele Altkluge können nicht irren: Dass nur die toten Fische mit dem Strom schwimmen, weiß doch ein jeder. Schließlich sind wir wieder bei der alten existieren vs. das Leben auskosten Situation. Ich bin dafür, dass wir viel öfter aus dem Wasser steigen sollten. Am Ufer ist es erstens trocken und zweitens still. Nicht mehr treiben lassen, nicht mehr dagegenschwimmen. Stoppen, durchatmen und den anderen Lebenflußtreibern und -schwimmern zusehen. Innehalten und überlegen: Wo will ich hin? Wer will ich sein? Welche Eigenschaften empfinde ich als erstrebenswert? Und wenn ich mich entschieden habe, dann kann ich wieder mitmachen, beim Leben und gelebt werden. Ich glaube, wer ich bin, werde ich wohl nie so richtig wissen. Manchmal denke ich, ich bin grad näher am Kern. Ein anderes Mal fühle ich mich wieder ewig davon entfernt. Aber ich glaube, darauf kommt es auch nicht an. Es reicht wenn ich weiß, zu welcher Sorte Mensch ich gehören möchte und ich mich so oft es geht, so gut es geht, darum bemühe ein solcher Mensch zu sein. Ich werde nicht ständig mein Bestes geben können. Ich werde nicht immer dagegenschwimmen. Ich werde es vermutlich auch in Zukunft nicht schaffen, jeden Tag bis auf's Letzte auszukosten und bewusst zu er-leben. Aber ich denke, auch das ist in Ordnung, solange ich weiß, dass ich nach dem kurzen Verschnaufen, wieder selbst leben muss.
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Dienstag, 8. November 2011
Zehn
marina w., 19:00h
Wartend steh' ich am Bahnsteig und schaue auf die frostüberzogenen Steine zwischen den Gleisen. Sogar die Steine frieren hier, wie es aussieht. Wahrscheinlich bibbern die kleinen Süßen immer heimlich, wenn gerade ein Zug über sie hinwegrollt - dann merkt's niemand. Ganz heimlich. Kleiner Lichtblick - War das gerade ein Anflug von Witz? So schlimm steht es also doch noch nicht um mich. Eigentlich ja ganz nett. Nicht nur die Zwischengleissteine haben sich in prunkvollem Raureif gekleidet - Alles ist von dieser schrecklich schönen weissen Haut überzogen. Vielleicht frieren die Steine doch nicht. Vielleicht haben sie nur ihr Novembergewand herausgeholt. Die Natur macht sich fein für den elften der zwölf großen Jahresfürsten. Dieses Jahr sind feinste Gewänder aus edelsten Eiskristallen mit nebligem Hauch gefragt. Zeitlos elegant - Schrecklich schön - Betont kühl. Die Vorstellung gefällt mir. Alle jammern. Es ist zu kalt. Schreckliches Wetter. Ich bin oft genug verführt massenkompatibel miteinzusteigen in die selbstmitleidige Masse der Wetterhasser. Aber eigentlich sollten wir den November dieses Jahr loben. Er tut das was ein November im November machen sollte. "Warming-Up"-Party für den Winter. Undankbare Gäste hat er da geladen. Keine schlechte Laune mehr, weil weil weil... ja weil alle alle alle Umstände immer so schrecklich sind. Und wir jammern und jammern und am Ende ist sogar das Wetter schuld. Alles ist schuld, nur wir nie. Innehalten in den Momenten, an denen man glaubt verzweifeln zu müssen. Ich habe beschlossen, dass ich sooo nicht sein will. An manchen Tagen ist die Verlockung, das Wetter zu hassen, den Alltag zu hassen so groß. Aber ich bin für meinen Alltag verantwortlich und falsches Wetter gibt es nicht, nur falsche Kleidung. Also an den Tiefpunkten den inneren Schweinehund überwinden und trotzdem gut gelaunt sein und alles bewusst erleben und sich bewusst machen, wie lächerlich es ist, sich beispielsweise über das Wetter zu ärgern.Das schert sich nämlich nichts um uns.
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Montag, 19. September 2011
Neun
marina w., 02:08h
Herz und Bauch und Hirn haben sich verbündet. Anarchie in mir. Die blumige, mädchenhafte Kitschsorte von Anarchie: Mit Blumen und Seifenblasen und Haarbändern und Gefühlsachterbahnen. So einig waren die drei sich wohl nie: Alles wird gut. Alles ist gut. Wir fühlen uns uneinheitlich einig wie nie. Das Herz posaunt laut hinaus: Ich will, dass die ganze Welt weiß, wie glücklich wir uns gerade alle fühlen. Das Hirn denkt, was das die Welt wohl kümmere. Der Bauch schmunzelt grummelnd in sich hinein, dass es unser süßes Geheimnis bleiben muss, weil die Welt soviel Hochstimmung doch überhaupt nicht mehr ertragen kann. Das hat die schon lange verlernt. Ich lausche den dreien aufmerksam amüsiert und muss sie alle enttäuschen. Das berauschende Durcheinander darf nicht aufhören. Nichts von alledem, was uns so wahnsinnig strahlen lässt, soll zerpflückt, aufgedröselt, analysiert und bewertet werden. Keine Entscheidungen mehr, nur noch Genießen. Alles was zählt sind das Gefühl und der Moment in dem es leuchtet. Was die Welt betrifft, so glaube ich, dass sie es uns durchaus anmerkt, wie gerne wir jetzt gedankenverloren vor Freude strahlend auf ihr lustwandeln. Was sie davon hält, spielt keine Rolle. Er ist es. Für den Augenblick bin ich mir sicher wie nie: Ich bin die seine.
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