Dienstag, 7. Dezember 2010
Drei
Die umgangssprachliche Ruhe vor dem Sturm ist bei genauerer Betrachtung ein Widerspruch in sich. Gehen wir davon aus, dass der Sturm unser dramaturgischer Höhepunkt wovon auch immer ist. Wer würde ein Buch lesen wollen in dem bis zum Höhepunkt nichts passiert? Wer würde solchen Sex haben wollen? Es würde nie zum Höhepunkt kommen können, weil jeder das Interesse verlieren würde, ob am Buch oder am Akt bleibt jetzt optional. Der Sturm bliebe also aus. Somit wäre diese Ruhe auch nicht besagte Ruhe vor einem Sturm, sondern pure Stagnation einer Situation. Und eine solche Stagnation als "Ruhe vor dem Sturm" zu bezeichnen, zeugt von hoffnungslos verklärten Pseudooptimisten, die jederzeit bereit sind den besseren Zeiten entgegenzufiebern, ihr momentanes Jammertal aber mit selbstmitleidigem Blick betrachten. Wer gern das Opfer spielt, der wird nie der Held. Und vom Warten allein wird nichts bewegt werden. Parallelen dieser Selbstmitleidsuhler zu bestimmten Glaubensrichtungen sind erschreckend naheliegend, aber nicht beabsichtigt. Wobei man sie bei genauerer Betrachtung wiederum nicht von der Hand weisen kann. Aber zurück zum Ausgangspunkt: Die Ruhe vor dem Sturm. Warum sollte sich jemand hinsetzen und sich über die Richtigkeit, Genauigkeit, Trefferquote einer solch kleinen, niedlichen, allgemeinbekannten und oftverwendeten Redewendung Gedanken machen? Weil dieser jemand gerade feststellt, dass diese kleine, niedliche Ruhe der Redewendung korrekterweise die Ruhe nach dem Sturm sein müsste. Diese ist weit niederschmetternder und zu Passivität verdammender als alles was mir im Moment einfällt.

Was passiert nach dem Sturm? Was kommt nach dem Höhepunkt? Das Buch endet dort. Tagelang fiebert man mit den Protagonisten, man fiebert dem Höhepunkt entgegen, man hofft und ist gespannt. Und wenn man es dann geschafft hat stellt sich bei einem guten Buch sofort die Sehnsucht nach einer Fortsetzung ein. Ist eine solche nicht vorhanden, wird man in den ersten Stunden nach Beendigung des Buches eine seltsame kleine Leere in sich spüren, weil man die Zeit in der man gelesen hätte erst wieder anderweitig füllen muss. Bei Büchern ist das kein weiter tragisches Erlebnis. Nach dem Sex führt diese Phase durchaus zu stillschweigend peinlichen Momenten. Im Optimalfall wurde der ultimative Höhepunkt von beiden Beteiligten erreicht, nun liegen sie verschwitzt mit verlegenem Blick nebeneinander und niemand weiss so Recht, was er sagen soll. Hier haben wir wieder die seltsame Leere die sich einstellt. Im Fall Liebesakt macht sich diese schon durchaus weitreichender bemerkbar. Aber was ist mit den Stürmen denen man nicht minuten- bzw. stunden- oder tagelang entgegenfiebert? Was ist mit den Höhepunkten denen man wochen-, monate- oder jahrelang entgegenfiebert, auf die man vielleicht sogar sein ganzes Leben gewartet hat? Was ist mit den großen Wendepunkten in unseren Leben? Nennen wir es Pseudowendepunkte, weil meistens reden wir uns ein, es müssten unsere großen persönlichen Wendepunkte sein, und wenn sich nach Erreichung unserer Ziele eben besagte Leere einstellt, handelt es sich nicht um ein kurzes persönliches Unwohlsein, sondern es sind die Phasen in denen wir am meisten an uns zweifeln. Soll es das jetzt gewesen sein? Habe ich dafür so hart gearbeitet? Habe ich darauf solange gewartet? Hat sich jetzt etwas verändert? Dieses Gefühl der Leere kann am Anfang dieser Phase zu richtig tiefgreifenden Krisen führen.

Ein "gesunder" Mensch wird anfangen sich neu zu orientieren. Es werden neue Ziele gesetzt, die es als Nonplusultra zu erreichen gilt. Man fängt wieder an zu fiebern. Wir Menschen brauchen das Hoffen und Fiebern mehr als die Höhepunkte und Wendestellen. Im Grunde artet es in eine einzige große Selbstverarsche aus. Es ist wie mit dem Spielzeug, dass man unbedingt haben will. Kaum hat man es bekommen, wird es uninteressant. Wir sollten anfangen uns diesen Effekt bewusst zu machen. Wir müssen lernen, dass das Streben zu den Höhepunkten die eigentliche Erfüllung unserer Wünsche ist. Der Weg ist das Ziel. Es klingt abgedroschen. Es ist so ausgelutscht. Aber genau das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten: Wir haben zwar ein Ziel, aber es gilt die Zeit in der wir das Ziel erreichen wollen zu genießen, weil entpuppt sich unser monumentaler Wendepunkt wieder mal als kleine Kunststoffnachbildung, wird die Leerlaufphase hinterher ausbleiben. Wir werden keine depressiven Gammelphasen mehr brauchen. Wir müssen uns klarmachen, dass die besseren Zeiten auf die wir warten, genau jetzt sind. Wir müssen unsere Zeit nutzen. Genau jetzt. Und nicht irgendwann später. Wir sind jung und frei und ohne Verpflichtungen. Uns steht die Welt offen. Eine "irgendwann wird alles besser"-Einstellung steht uns nicht - Also weg damit! Wir wollen keine Ruhe, weder davor noch danach, wir wollen fiebern, wir wollen hoffen und leben. Und das Scheitern und die Höhepunkte nehmen wir mit wie sie kommen. Abgerechnet wird dann am Schluss! Und wenn es, wie Kettcar behauptet, wirklich nur ein Nullsummenspiel war, gehen wir halt mit der Teilnehmerurkunde heim. Es wäre nicht meine erste :D. In diesem Sinne: Seas!

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